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Thema des Tages
Ausgegeben vom Deutschen Wetterdienst. Neueste Meldung oben

Wissenschaft kompakt

Von der Feder zur digitalen Analyse - Die Wetterkarte Teil 1



Bei einem Streifzug durch die Gänge des Seewetteramtes in Hamburg
fällt einer Meteorologin sofort die eingerahmte Wetterkarte aus dem
Jahr 1867 auf. Es erinnert an die Anfänge der systematischen
Wetteranalyse. Bis heute werden täglich solche Karten erstellt. Das
Erscheinungsbild hat sich jedoch im Laufe der Zeit immer wieder
geändert.



Am 16. Februar 1876 erschien an der Deutschen Seewarte in Hamburg die
erste täglich herausgegebene Wetterkarte Deutschlands. Ein Blick auf
die historische Karte macht deutlich, wie überschaubar das
Beobachtungsnetz damals noch war. Die Wetterdaten wurden bereits per
Telegraf übermittelt; eine technische Revolution, die es überhaupt
erst ermöglichte, Beobachtungen aus verschiedenen Regionen zeitnah
zusammenzuführen. Doch schnell bedeutete nicht automatisch sofort.
Die eingehenden Daten mussten zunächst gesammelt und anschließend von
Hand in die Karte eingetragen werden. Bis eine vollständige
Wetterübersicht vorlag, verging daher einige Zeit.

Die Karte zeigte bereits Isobaren, also Linien gleichen Luftdrucks.
Sie waren in Abständen von fünf Einheiten eingezeichnet. Anders als
heute wurde der Luftdruck damals häufig in Millimetern
Quecksilbersäule, oder auch Torr genannt, angegeben. Die Bezeichnung
Torr geht auf den italienischen Physiker Evangelista Torricelli
zurück, der wichtige Grundlagen für die Entwicklung des Barometers
schuf. Ein Standardluftdruck von 760 Millimetern Quecksilbersäule
entspricht ungefähr 1013,25 Hektopascal.
Eine zweite Karte ergänzte das Bild des Wettergeschehens. Darauf
fanden sich Isothermen, also Linien gleicher Temperatur, die
24-stündigen Niederschlagsmengen der Messstationen sowie Angaben zur
Höhe des Seegangs. Letztere stammten von Schiffen, die auf Nord- und
Ostsee unterwegs waren. Schon damals ging es also nicht nur darum,
das Wetter an Land abzubilden, sondern auch die Bedingungen auf See
möglichst umfassend zu erfassen.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs das Netz der Wetterstationen, und
auch die Zahl der täglich erstellten Wetterkarten nahm zu. Neben der
Deutschen Seewarte fertigten weitere Einrichtungen regelmäßige
Wetteranalysen an. Je dichter das Beobachtungsnetz wurde, desto
genauer ließ sich das großräumige Wettergeschehen erfassen. Die
Isothermen verschwanden irgendwann auf den Karten. Für die Analyse
der bodennahen Wetterlage erwies sich ihre Darstellung als weniger
hilfreich.
Auf eine Kaltfront in der Wetterkarte musste man aber noch lange
warten. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das sogenannte
Norwegische Zyklonenmodell, maßgebend entwickelt vom Norwegischen
Meteorologen Vilhelm Bjerknes, veröffentlicht. Er zeichnete im August
1918 zum ersten Mal eine Frontenanalyse in eine Wetterkarte. Bis in
einer deutschen Karte ein Frontsymbol auftauchte, dauerte es aber
nochmal fast 20 Jahre.
Der Zweite Weltkrieg brachte erhebliche Schwierigkeiten mit sich.
Immer mehr Wetterstationen stellten ihre Datenübermittlung nach
Deutschland ein. Damit gingen wichtige Beobachtungen verloren.
Fehlende Messwerte erschwerten sowohl die synoptische Analyse, also
die räumliche Zusammenschau der Wetterbeobachtungen, als auch die
darauf aufbauende Wettervorhersage.

Am 11. November 1952 wurde der Deutsche Wetterdienst (DWD) gegründet.
Die Wetterkarte dieses Tages war wieder mit zahlreichen
Stationsmeldungen gefüllt. Gegenüber den frühen Karten hatte sich die
Darstellung deutlich weiterentwickelt. Neben den Messwerten waren nun
auch Wetterfronten eingezeichnet.
Wer heute auf diese Karte schaut, erkennt allerdings, dass die
Frontanalyse damals noch anders aussah als in modernen Wetterkarten.
So wurde beispielsweise unterschieden, ob eine Kaltfront nur in
höheren Luftschichten erkennbar war oder sich durch mehrere Schichten
der Atmosphäre erstreckte. Auch Niederschlagsgebiete wurden eigens
markiert.
Irgendwann erfolgte dann die Umstellung auf farbige Analyse. Tiefs
und Warmfronten wurden in rot eingezeichnet, Hochs und Kaltfronten in
blau. Zusätzlich wurden teilweise die Beobachtungen von Regen noch in
grün markiert, bei Nebel wurde die Station gelb eingefärbt. Eine
Beispielkarte wurde per Hand für gestern 06 UTC erstellt.

Am 18. Februar 2015, also 139 Jahre nach der ersten Veröffentlichung
der täglichen Wetterkarte, wurde beim DWD die letzte komplett per
Hand mit Stift auf Papier gezeichnete Karte herausgegeben. Danach
folgte die Ära der rein digital erzeugten Wetteranalyse.
Heute wird die Bodenwetterkarte viermal täglich analysiert: zu den
Terminen 00, 06, 12 und 18 UTC. Die Messdaten stammen aus einem weit
über Deutschland hinausreichenden Beobachtungsnetz, dessen Stationen
über große Teile der Nordhalbkugel verteilt sind. Ihre Übermittlung
dauert häufig nur wenige Minuten. Was früher eine aufwendige
logistische und zeichnerische Arbeit war, ist heute dank moderner
Kommunikationswege und digitaler Systeme erheblich schneller möglich.

Doch wer glaubt, dass die Wetterkarte inzwischen ganz von allein
entsteht, irrt sich. Zwar liefern numerische Wettermodelle bereits
berechnete Druckfelder und damit eine wichtige Grundlage für die
Analyse. Diese Felder werden jedoch nicht einfach unverändert
übernommen. Die Isobaren müssen überprüft und an die tatsächlich
beobachtete Wetterlage angepasst werden. Auch Fronten und
Konvergenzlinien werden von erfahrenen Meteorologinnen und
Meteorologen analysiert und von Hand eingezeichnet.

Von der ersten täglich veröffentlichten Wetterkarte im Jahr 1876 bis
zur heutigen digitalen Analyse hat sich in der Meteorologie Vieles
verändert. Daten erreichen die Meteorologen heute in wenigen Minuten,
Numerische Modelle liefern eine ungeahnte Fülle an Informationen und
digitale Werkzeuge erleichtern die tägliche Arbeit erheblich. Eines
ist jedoch geblieben: Eine gute Wetterkarte ist mehr als eine
Sammlung von Messwerten und Linien. Sie ist das Ergebnis sorgfältiger
Beobachtung, wissenschaftlicher Analyse und meteorologischer
Erfahrung. Die Werkzeuge haben sich verändert; die Kunst, aus vielen
einzelnen Informationen ein schlüssiges Bild des Wetters zu formen,
ist geblieben.


M.Sc. Sonja Hansen

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 27.10.2026

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



Wetter aktuell

Herbstwetter mit zwei Gesichtern



Nach einem Wochenende mit Sturm, Dauerregen und der ersten Sturmflut
des Herbstes beruhigt sich das Wetter allmählich. Auf einen kurzen
Gruß des goldenen Oktobers folgen mit Hoch ?Jurij? ruhigere, aber
vielerorts neblige und trübe Herbsttage.



Was war das für ein stürmisches Wochenende! Da machte der Herbst
seinem Namen alle Ehre. Bereits am vergangenen Freitag, dem 23.
Oktober 2026, zog das Sturmtief "Luise" (international "Austen"
genannt) vom Ärmelkanal in Richtung Niederlande und erreichte am
Samstagmorgen das Seegebiet bei Helgoland. Dabei fiel gebietsweise
schauerartiger Regen. Vor allem im Westen Deutschlands frischte der
Wind kräftig auf. In besonders kräftigen Schauern wurden sogar
schwere Sturmböen registriert. An der Wetterstation Trier-Petrisberg
erreichte eine Böe am Freitag um 17 Uhr 102 km/h (Windstärke 10).
Zum Sonntag folgte das Sturmtief "Manja" (international "Boelo"
genannt) und sorgte erneut für stürmisches Wetter. Die Station Büsum
registrierte am Sonntagnachmittag um 16 Uhr eine Orkanböe mit 125
km/h (Windstärke 12). Auch andernorts kam es im Zuge der Tiefpassage
verbreitet zu stürmischen Böen oder Sturmböen. Doch nicht nur der
Wind hatte es in sich. Insbesondere in Staulagen der Mittelgebirge
sowie im Allgäu kamen erhebliche Regenmengen zusammen. Entsprechend
musste vor markantem, örtlich sogar unwetterartigem Dauerregen
gewarnt werden. Innerhalb von 72 Stunden fielen von der Eifel über
das Saarland bis zum Schwarzwald lokal mehr als 80 Liter Regen pro
Quadratmeter. Die Station Weiskirchen an der Saar registrierte
insgesamt 94 Liter, davon allein 72 Liter innerhalb von nur 14
Stunden.
Die Folgen des stürmischen und nassen Wetters waren vielerorts zu
spüren. Umgestürzte Bäume, abgedeckte Dächer und Schiffe in Seenot
waren wiederholt Thema in den Medien. In Freiburg und Region waren am
Sonntag rund 10.000 Haushalte stundenlang ohne Strom. Auch im
Bahnverkehr kam es teilweise zu erheblichen Einschränkungen. Die
Feuerwehren waren vielerorts im Dauereinsatz.
Besonders glimpflich ging ein Vorfall im Ruhrgebiet aus. In der Nacht
zum Samstag durchbohrte ein herabstürzender Ast die Windschutzscheibe
eines Autos und blieb im Armaturenbrett stecken. Die 18-jährige
Fahrerin blieb glücklicherweise unverletzt.
Neben Sturm und Regen brachte ?Manja? auch die erste Sturmflut dieses
Herbstes. Unter anderem in Cuxhaven, Wilhelmshaven und Hamburg kam es
zu Überschwemmungen. Dabei wurden einige Menschen von den
Wassermassen überrascht. Autos mussten abgeschleppt werden, andere
blieben im Wasser stecken. In einzelnen Fällen retteten sich die
Insassen auf die Dächer ihrer Fahrzeuge, von wo aus sie von Feuerwehr
und Deutscher Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Sicherheit
gebracht werden konnten.
Nach dem stürmischen Wochenende beruhigt sich das Wetter heute
vorübergehend unter Einfluss eines Zwischenhochs namens "Idris".
Einzig an der Nordsee muss heute Mittag noch mit einer weiteren
Sturmflut gerechnet werden, da aufgrund der vorherrschenden Strömung
weiterhin Wasser in die Deutsche Bucht gedrückt wird.
Bereits in der Nacht zum Dienstag greift dann die Warmfront von
?Naomi? auf Deutschland über, bringt aber lediglich der
Nordwesthälfte noch etwas Regen. Am Dienstag gelangt Deutschland in
den Warmsektor des Tiefs. Dann kann sich die Sonne zeitweise zeigen,
und die Temperaturen steigen auf bis zu 21 Grad. Damit kehrt der
goldene Oktober für einen kurzen Moment zurück.
In der Nacht zum Mittwoch zieht die Kaltfront von ?Naomi? über
Deutschland hinweg. Sie bringt erneut etwas Regen, im Vergleich zu
den Sturmtiefpassagen ist das Sturmtief aber deutlich schwächer
ausgeprägt. Im Laufe der Woche gewinnt dann Hoch ?Jurij? zunehmend an
Einfluss und es stellt sich meist ruhigeres Herbstwetter ein.
Allerdings bedeutet Hochdruckeinfluss im Herbst nicht zwangsläufig
Sonnenschein: Vor allem in der Südwesthälfte können sich Nebel und
Hochnebel hartnäckig halten und sich teilweise erst im Laufe des
Tages auflösen. Im Norden und Osten bleibt es dagegen stärker
bewölkt, örtlich kann weiterhin etwas Regen fallen. Nach dem
stürmischen Auftakt zeigt sich der Herbst damit von seiner anderen
Seite: Auf einen kurzen goldenen Zwischenakt folgen ruhige, aber
vielerorts graue und neblige Tage.


M.Sc.-Met. Sebastian Schappert

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 26.10.2026

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst





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