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Thema des Tages
Ausgegeben vom Deutschen Wetterdienst. Neueste Meldung oben

Wissenschaft kompakt

Hagelstürme in Europa



Mit dem Frühling beginnt auch die Gewittersaison. Vor allem schwere
Gewitter mit Hagel richten jedes Jahr große Schäden an. Doch wo tritt
Hagel am häufigsten auf und welche Veränderung gibt es diesbezüglich
im Hinblick auf die globale Erwärmung?



Auch wenn das aktuelle Wetter an diesem Wochenende und zu Beginn der
kommenden Woche teils noch spätwinterliche Züge aufweist, ist der
Frühling nicht mehr aufzuhalten. Mit den steigenden Temperaturen
erhöht sich auch die Gefahr von kräftigen Gewittern mit Hagel. Laut
Definition handelt es sich bei Hagel um Eiskörner mit einem
Durchmesser von mindestens 0,5 Zentimetern. Sind die Eiskörner
kleiner, spricht man von Graupel. Gewitter mit Graupel kommen im
Winterhalbjahr häufig bei einer ähnlichen
Großwetterlagenkonstellation wie am heutigen Sonntag vor. Dabei
fließt vor allem in der Höhe polare Kaltluft ein. Dadurch ergeben
sich große Temperaturunterschiede zwischen dem Erdboden und der
mittleren Troposphäre, wodurch Gewitterwolken entstehen können. Dies
kann am heutigen Sonntag stellenweise auch in der Nordosthälfte
beobachtet werden.
Für Hagel sind die Aufwinde innerhalb der Gewitterwolke im Winter
aber meist zu schwach. Damit sich dieser bilden kann, benötigt es
eine energiereiche Luftmasse mit einem hohen Feuchtegehalt. Ein Maß,
das in der Meteorologie dazu verwendet wird, ist die maximale
verfügbare potentielle Energie (CAPE). Über diese Größe erhält man
eine Abschätzung der Aufwindgeschwindigkeiten innerhalb einer
hochreichenden Gewitterwolke. Für die Abschätzung der Hagelgröße ist
zudem auch die vertikale Windscherung (Windgeschwindigkeits- und
Richtungsänderung mit der Höhe) von großer Bedeutung. Großer bis sehr
großer Hagel ist nur in Verbindung mit langlebigen Gewitterzellen
möglich. Deshalb tritt Hagel mit Korndurchmessern über 5 cm auch
ausschließlich innerhalb von Superzellen in einer Umgebung mit einer
hohen vertikalen Windscherung auf.

Abbildung 1 zeigt die Häufigkeit an Hagelereignissen in Europa.
Erwartungsgemäß tritt Hagel in Mittel- und Südeuropa öfter auf als in
Nordeuropa, da dort im Jahresverlauf häufiger energiereiche
Luftmassen vorherrschend sind. Zudem ist erkennbar, dass vor allem im
Bereich der Gebirge Hagelereignisse sehr oft vorkommen. Ein Maximum
ergibt sich in Nordspanien rund um die Pyrenäen sowie nördlich und
südlich der Alpen. In Deutschland gibt es ein deutliches
Süd-Nord-Gefälle. Dies liegt neben dem im Sommerhalbjahr wärmeren
Klima auch an der Orographie. Dort bilden sich häufig im Lee der
Alpen und der süddeutschen Mittelgebirge wie dem Schwarzwald lokale
Konvergenzen aus, die kräftige Gewitter mit Hagel auslösen können.
Auch bei der räumlichen Verteilung der maximalen Hagelkorngröße
spielt die Orographie eine entscheidende Rolle. Vor allem die
Anrainerstaaten der Alpen verzeichnen schwere Gewitter mit sehr
großem Hagel. Davon ist beispielsweise Süddeutschland, Tschechien
oder auch Norditalien betroffen. Erst im Juli 2023 wurde in
Venetien in Norditalien ein Hagelkorn mit einem unglaublichen
Durchmesser von 19 cm entdeckt (nicht abgebildet). Dies ist bis heute
der Europarekord! Aber auch im Mittelmeerraum wie beispielsweise in
Mittelitalien oder in Südspanien trat in der Vergangenheit bereits
sehr großer Hagel um 10 cm auf. Dort wird dieser allerdings im
Gegensatz zu Mitteleuropa aufgrund des Jahresgangs der
Wassertemperaturen vor allem im Herbst beobachtet. Diese Daten
stammen von Meldungen aus der European Severe Weather Database
(ESWD). Da es in ländlichen Regionen prinzipiell weniger Meldungen
gibt, können die tatsächlichen Zahlen leicht davon abweichen.

Welchen Einfluss hat die globale Erwärmung auf die Hagelhäufigkeit
und die maximale Hagelkorngröße bei schweren Hagelereignissen?
Grundsätzlich erhöht sich mit einer zunehmenden Erderwärmung das
Potenzial für Hagel. Allerdings benötigt es für größeren Hagel nicht
nur eine warme und sehr feuchte Luftmasse sowie einen Hebungsantrieb.
Auch die Änderungen der Strömungskonfiguration und mikrophysikalische
Prozesse innerhalb einer Gewitterwolke haben darauf einen
entscheidenden Einfluss. Eine kürzlich erschienene Studie zeigt bei
einer globalen Erwärmung von 3 Kelvin gegenüber dem vorindustriellen
Zeitraum eine Abnahme der Hagelhäufigkeit über Westeuropa und eine
Zunahme über Mittel- und Osteuropa. Großer Hagel kommt demnach über
weite Teile Europas in Zukunft häufiger vor. Dies würde auch in
Deutschland das Gefährdungspotenzial durch Hagel in den nächsten
Jahrzehnten deutlich erhöhen.


M.Sc.-Met. Nico Bauer

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 30.03.2025

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



Wetter aktuell

Gekonntes Täuschungsmanöver



Der Blick auf das Radar verspricht Regen, aber der Blick aus dem
Fenster zeigt trockene Verhältnisse - was ist da denn los?


Am heutigen Samstagvormittag entschied sich der Autor dieses Textes
dazu, einen Radar- und Satellitenfilm auf Social Media zu
veröffentlichen, der die aktuelle Bewölkungs- und
Niederschlagssituation in Deutschland zeigte. Hintergrund war die
heute Mittag stattgefundene partielle Sonnenfinsternis, genauer
genommen eine Einschätzung, wo man gute und wo schlechte Karten haben
wird, das Himmelsspektakel zu verfolgen. Darauf folgte ein Kommentar,
dass es laut Radar in der Region des Nutzers gerade regnen würde,
dies aber in Wirklichkeit nicht der Fall sei.



Tatsächlich zeigte das Radarbild etwa von Franken über Westsachsen
bis ins südliche Brandenburg recht verbreitet leichte Niederschläge,
allerdings meldeten die Wetterstationen keinen Tropfen. Im Süden gab
es laut Radar ebenfalls großflächig Niederschlagssignale, die dort
dagegen aber durch zahlreiche Stationsmessungen belegt wurden.



Was war denn da nun bitte los? Radar kaputt? Niederschlagsmesser
defekt? Nein, beides falsch! Den Grund dafür findet man bei
Betrachtung der vertikalen Schichtung der unteren Atmosphäre, genau
genommen den Verlauf von Lufttemperatur und -feuchtigkeit mit der
Höhe. Dafür nutzt man sogenannte Radiosonden. Bei einer Radiosonde
handelt es sich um ein Gerät, das mit einem Sender und mehreren
Messfühlern ausgestattetet ist. Angebunden an einen mit zumeist
Heliumgas gefüllten Gummiballon, steigt die Radiosonde mit rund 300
Metern pro Minute in die Luft auf und misst dabei stetig Luftdruck,
-feuchte und -temperatur sowie indirekt durch die Windverlagerung
auch Geschwindigkeit und Richtung des Windes. Diese Daten werden über
den Sender direkt an die Empfangsstation am Boden übermittelt. Kurz
darauf stehen sie schließlich uns Meteorologen grafisch aufbereitet
zur Verfügung und liefern zudem neben vielen weiteren
Beobachtungsdaten die Basis für die Prognosen unserer Wettermodelle.
Weitere Infos zu Radiosondenaufstiegen finden Sie zum Beispiel im
Thema des Tages vom 03.07.2020.



Da im "trügerischen" Niederschlagsbereich kein Radiosondenaufstieg
zur Verfügung steht, schauen wir uns doch einfach einmal einen auf
Prognosedaten beruhenden Aufstieg aus dieser Region an, in diesem
Fall aus Oberfranken von 11 Uhr. Kurz zur Orientierung: Auf der
linken Vertikalachse ist der Luftdruck in hPa und auf der
Horizontalachse unten die Temperatur in Grad Celsius aufgetragen. Die
Temperatur bleibt dabei entlang der roten Linien, die von unten nach
schräg-rechts-oben verlaufen, konstant. Die Null-Grad-Linie ist blau
eingefärbt. Den vertikalen Verlauf der Lufttemperatur stellt nun die
durchgezogene schwarze Linie dar und der Taupunkt (Maß für die
Luftfeuchtigkeit) wird durch die gestrichelte schwarze Linie
repräsentiert. Liegen die beiden Linien, also Temperatur und
Taupunkt, nah beieinander, ist die relative Luftfeuchtigkeit hoch,
sind sie weit voneinander entfernt, ist sie niedrig.



Verfolgt man die beiden Linien des Aufstiegs von oben nach unten,
stellt man fest, dass sie zunächst relativ nah beieinander liegen,
die relative Luftfeuchtigkeit also recht hoch ist. Erst ab etwa 750
hPa beginnen sie stark auseinanderzugehen mit einem Maximalabstand
bei etwa 800 hPa (grob 2 km Höhe). Hier ist die Luft also relativ
trocken und das ist der entscheidende Punkt: Der Regen, der sich
darüber entwickeln konnte, hatte es nicht durch diese trockene
Schicht geschafft, sondern ist verdunstet und kam daher nicht am
Boden an.



Durch die Verdunstung konnte diese trockene Luft zwar in den
Folgestunden allmählich noch etwas angefeuchtet werden, am Boden kam
aber trotzdem nichts mehr an, nun aber hauptsächlich deshalb, weil
der Niederschlag mittlerweile abgeklungen war.

Dipl.-Met. Tobias Reinartz

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 29.03.2025

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