Besucherstatistik:
bisherige Besucher: 314.953
heute: 1 - gestern: 51
momentan online: 1




Thema des Tages
Ausgegeben vom Deutschen Wetterdienst. Neueste Meldung oben

Den Überblick behalten im Unwetterjahr 2021


Korrigierte Passage:
Autorenname vergessen


Sie möchten wissen, wo es an einem bestimmten Tag zu Unwettern
gekommen ist? Dann lohnt ein Blick in die europäische
Unwetterdatenbank, die im heutigen Tagesthema vorgestellt wird.

Nachdem sich das Jahr 2020 in Sachen Unwetter eher etwas
zurückgehalten hat, wird in diesem Jahr in Europa und Deutschland
wirklich einiges aufgeboten. Dabei stechen bisher natürlich vor allem
die Hochwasserkatstrophe in Deutschland und Belgien sowie der Tornado
in Hodonin (Tschechien) heraus. Aber auch im Alpenvorland gibt es
beinahe täglich Unwetter, wahlweise mit großem Hagel, schweren
Sturmböen oder heftigem Starkregen.

Dies war nur eine kleine Auswahl. Bei dieser großen Anzahl an
Unwetterereignissen in diesem Sommer kann man schnell den Überblick
verlieren. Es gibt aber eine Möglichkeit sich für jeden Tag einen
Überblick zu verschaffen, wo es zu Unwettern in Europa gekommen ist.
Als Basis dafür dient die sogenannte europäische Unwetterdatenbank
(European Severe Weather Database - ESWD).

Die ESWD wird betrieben vom ESSL, dem European Severe Storm
Laboratory (auf Deutsch: Europäisches Unwetterlabor). Diese
Organisation wurde 2006 zu einem eingetragenen Verein mit Sitz in
Wessling bei München. Ihr Ziel ist eine europäische Zusammenarbeit
auf dem Gebiet der Unwetterforschung, um die Gesellschaft in Europa
besser auf die Auswirkungen von sommerlichen Unwettern vorzubereiten.
Dafür wird zum einen wissenschaftliche Forschung betrieben und zum
anderen werden zahlreiche Fortbildungskurse für
Vorhersagemeteorologen auf dem Gebiet der Gewitter- und
Unwettervorhersage angeboten. Zudem organisiert das ESSL alle zwei
Jahre eine internationale Konferenz zum Austausch über den aktuellen
Stand der Forschung.

Die Europäische Unwetterdatenbank ist ein wichtiger Baustein der
Arbeit des ESSL. Sie wird dort von mehreren Personen betreut und lebt
auch von der Beteiligung vieler engagierter Menschen in den
verschiedenen Ländern. In der Datenbank werden Meldungen aus ganz
Europa in verschiedenen Kategorien zusammengetragen. Das können
schadensbringender Starkregen, großer Hagel (ab 2 cm), Wind (ab 90
km/h) oder auch Tornados sein. Auch Blitze, die zu Bränden oder
Personenschäden geführt haben, fließen dort mit ein.

Die Meldungen stammen aus Archiven, Zeitungen, von Onlinemedien oder
kommen aus den sozialen Kanälen wie Twitter und Facebook. Daneben
fließen Meldungen von den staatlichen Wetterdiensten ein, wie zum
Beispiel auch geprüfte Zumeldungen aus unserer WarnwetterApp.

Der Nutzer kann die Einträge schließlich nach dem zeitlichen
Auftreten, der Art des Unwetterereignisses und der betroffenen Region
filtern. In einer Liste gibt es dann genaue Beschreibungen zu jedem
Ereignis. Gegen eine Jahresgebühr kann man die Daten auch für den
persönlichen Gebrauch anfordern und eigene Auswertungen anstellen.

Die erfassten Daten finden vor allem Eingang in die
Unwetterforschung. Sie werden aber auch von Versicherungsunternehmen
genutzt, dienen der Evaluierung verschiedener Vorhersageprodukte oder
bilden die Basis für klimatologische Untersuchungen zur Entwicklung
von Unwetterereignissen.

Die Unwetterdatenbank eignet sich aber auch einfach zum Stöbern.
Durch die Arbeit mit alten Zeitungsarchiven und anderen historischen
Daten konnten auch viele Ereignisse aus früheren Zeiten rekonstruiert
werden. So kann man beispielsweise herausfinden, dass am 29.06.1764
zur Mittagszeit ein Tornado der stärksten Kategorie F5 durch Woldegk
in Mecklenburg-Vorpommern gezogen ist (siehe auch Grafik), oder dass
der DWD am 02.09.2000 in den Abendstunden die erste offizielle
Tornadowarnung im südlichen Sachsen-Anhalt ausgegeben hatte. Die
älteste deutsche Tornadomeldung in der Datenbank stammt übrigens vom
1.Juli 689 aus dem Stammherzogtum Sachsen.

Das ist nur ein kleiner Einblick. Schauen Sie doch auch mal in die
Datenbank und suchen nach Hagel, Wind oder Starkregenereignissen aus
der jüngsten oder frühen Vergangenheit. Gerne können Sie sich auch
selbst beteiligen und Unwetterereignisse zumelden, welche die
Kriterien erfüllen.



Dipl.-Met. Marcus Beyer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 31.07.2021

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



Superzelle legt über 700 km zurück



Der Süden Bayerns wurde in der vergangenen Woche von heftigen
Unwettern heimgesucht. Einige dieser kräftigen Gewitter waren
Superzellen. Am Mittwoch zog eine dieser Superzellen von Oberbayern
bis in die Hohe Tatra und richtete auf ihrem Weg größeren Schaden an.



Die Region nördlich des Alpenrands wurde in der letzten Woche von
zahlreichen Unwettern geplagt. Die meisten dieser Unwetter gingen
dabei auf einen speziellen Gewittertyp, die Superzelle zurück. Das
besondere an Superzellen ist ihr beständig rotierender
Aufwindbereich, der bei normalen Einzel- oder Multizellen so nicht zu
finden ist. Darin liegt auch ihre besondere Heftigkeit und ihre
Langlebigkeit begründet. Denn ein Gewitter benötigt einen warmen und
möglichst feuchten Aufwind. Da wärmere Luft leichter ist (eine
geringere Dichte hat) als kalte Luft, steigt in diesem Aufwindbereich
warme Luft nach dem Archimedisches Prinzip auf und erhält das
Gewitter am "Leben". Irgendwann im Reifestadium des Gewitters
produziert es Regen oder auch Hagel, der zunehmend zum Problem für
das Gewitter wird. Der ausfallende Regen oder Hagel kühlt die Luft in
seiner Umgebung durch Verdunstung bzw. Schmelzen ab, sodass auf der
Rückseite des Gewitters ein kalter Abwind entsteht. Die kalte Luft
breitet sich dann am Boden aus und kappt den für das Gewitter
notwendigen warmen Aufwind. Bei einer Superzelle bleiben durch die
Rotation des Gewitters Auf- und Abwindbereich ständig getrennt,
sodass der Zustrom von warmer Luft, der die Gewitterzelle mit Energie
versorgt, nahezu durchgängig aufrechterhalten wird. Dies erklärt die
Langlebigkeit und die Heftigkeit von Superzellen. So sind Orkanböen
durch kräftige Fallwinde und heftiger Starkregen keine Seltenheit.
Nahezu alle großen Hagelereignisse stehen im Zusammenhang mit
Superzellen. Des Weiteren bildet die Rotation die Grundlage für
Tornados. Mehr zur Dynamik und Struktur von Superzellen finden Sie im
Thema des Tages vom 14.07.2019
(https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2019/7/14.html).
Typische Zugbahnen von Gewitterzellen am Alpenrand sind im Thema des
Tages vom 27.06.2021 beschrieben
(https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2021/6/27.html).
Am Mittwoch den 28.07. entstand erneut eine Superzelle im
Alpenvorland, doch dieses Mal nördlich von Rosenheim. Sie zog rasch
ostwärts und richtete teils schwere Schäden im Chiemgau an. Orkanböen
deckten Dächer ab, Bäume wurden entwurzelt, durch heftigen Starkregen
liefen Keller voll und örtlich gab es Ansammlungen von Hagelmassen.

Die Zelle zog weiter nach Oberösterreich, wo sie sich nochmals
verstärkte, Dächer und Häuser beschädigte und große Agrarflächen
zerstörte. Danach zog sie nach Wien und erreichte am Abend die
Slowakei. Erst in der Nacht löste sie sich östlich der Hohen Tatra
auf. In 13 Stunden legte sie dabei eine Strecke von über 700 km
zurück und gehört somit zu den langlebigsten Sperrzellen der
vergangenen Jahre. Die Abbildung zeigt die Blitzspur von Mittwoch
09:00 bis Donnerstag 01:00 UTC. Deutlich lässt sich die Zugbahn
erkennen. Der Grund für die lange Lebensdauer waren die guten
Bedingungen, die die Zelle vorgefunden hat. Neben schwülwarmer und
energiereicher Mittelmeerluft, gab es in den betroffenen Regionen
eine sehr große Windscherung. Als Windscherung bezeichnet man die
Änderung der Windgeschwindigkeit mit der Höhe. Diese ist maßgeblich
für die Rotation in Superzellen verantwortlich.

Dieses Jahr treten Superzellen vom Alpenrand über Nordösterreich bzw.
in Südtschechien ungewöhnlich häufig auf. Ursache dafür war eine
besondere Wetterlage, bei der Tiefdruckgebiete immer wieder nach
Westeuropa zogen. Mitteleuropa lag dabei am Rand dieser
Tiefdruckgebiete auf der Vorderseite, wobei die betroffenen Regionen
mit sehr warmer und besonders feuchter Mittelmeerluft versorgt
wurden. Gleichzeitig stellten diese Tiefs die benötige Windscherung
bereit. Der Alpenrand ist für die Entstehung von Superzellen
besonders prädestiniert, da sich dort durch Überströmung der Alpen
oft ein Leetief bildet. Dadurch dreht der Bodenwind, wie auch am
Mittwoch geschehen, nochmals auf Ost, während in der Höhe Südwestwind
vorherrscht. Somit wird die Windscherung deutlich erhöht.
Wie geht es mit den Gewittern bei uns weiter? In der Nacht zum
Samstag gibt es im Süden nochmal lokale Unwetter. Dann ändert sich
die Wetterlage. Der Tiefschwerpunkt verlagert sich nach Skandinavien,
wobei auch im Süden kühlere Luft einfließt. Was Schwergewitter
angeht, stellt sich zunächst ein etwas ruhigerer Witterungsabschnitt
ein.


Dipl.-Met. Christian Herold
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 30.07.2021

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst





Private Wetterstation Altenmarkt a. d Alz - Alle Angaben ohne Gewähr - (c) Matthias Schwanter   -   Seitengeneration erfolgte in 0.2679 Sekunden.