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Thema des Tages
Ausgegeben vom Deutschen Wetterdienst. Neueste Meldung oben

Wetter aktuell

Vom Scheren und schweren Gewittern


Alljährlich wird beispielsweise Schafen das Fell geschoren - die
sogenannte Schafscherung. Jedoch hat das Wort Scherung in der
Meteorologie eine vollkommen andere Bedeutung. Hier steht sie mit
Gewittern in Verbindung und dieses Phänomen soll im heutigen Thema
des Tages näher betrachtet werden.


In der Meteorologie stößt man hin und wieder auf Begriffe, die auch
in völlig anderen Bereichen auftauchen können. So wurde im Thema des
Tages am 01.07.26 das Wörtchen Cape (oder CAPE) als Aufhänger
verwendet. Heute ist es das Wörtchen Scherung. Wer zum Beispiel
Interesse an Wolle und deren Gewinnung zeigt, der denkt bei diesem
Wort wohl an Schafe, die geschoren werden. Geologen verbinden mit dem
Wort riesige tektonische Platten, die aneinander vorbeigleiten und
Erdbeben auslösen können. Und Meteorologen? Die denken an
Windänderungen, Gewitter, Superzellen und Hagel.

Die (Wind-)Scherung beschreibt nämlich in der Meteorologie die
Änderung des Windes mit der Höhe. Genau genommen ist die Scherung ein
Vektor (oft dargestellt als ein Pfeil). Deshalb sind zwei Angaben
wichtig, um ihn vollständig zu beschreiben. Die erste ist der Betrag
(die Länge), die zweite die Richtung des Vektors. Normalerweise nimmt
der Wind mit der Höhe zu. Je stärker der Betrag der Scherung ist,
desto größer ist der Unterschied der Windgeschwindigkeit in Bodennähe
zu der in beispielsweise 6 km Höhe. Dagegen beschreibt die
"Richtungsscherung" - der Name sagt es schon - wie sich die
Windrichtung mit der Höhe ändert.

Und was hat das Ganze nun mit Gewittern zu tun? Neben Faktoren wie
dem CAPE spielt die (Wind-)Scherung eine wichtige Rolle dabei, welche
Arten von Gewittern zu erwarten sind. Wenn sich eine Gewitterzelle
bei wenig Windscherung (<10 m/s) entwickelt, steigt die Luft an einem
Ort auf und bildet bei einsetzender Kondensation Wolken und später
Niederschlag. Dieser Niederschlag und die damit einhergehenden Winde
fallen am gleichen Ort herab und wirken dem Aufsteigen entgegen.
Solche sogenannten Einzelzellen fallen also oft innerhalb einer
Stunde in sich zusammen. Hingegen wird bei ausreichender Windscherung
(10-20 m/s) die aufsteigende Luft gegenüber dem Ausgangsort
verschoben, da in der Höhe stärkere Winde herrschen, sodass Auf- und
Abwind zu einander versetzt sind. Das hat zur Folge, dass sich
längerlebige Gewitter bilden können. Wenn noch stärkere Windscherung
(>20 m/s) und dazu noch eine Richtungsscherung vorliegt, dann ist das
Potenzial gegeben für große, rotierende Gewitter (genannt
Superzellen) mit heftigen Begleiterscheinungen bis hin zu Tornados.

Und was für Gewitter sind heute in Deutschland möglich?

Für den Süden sind die Scherungsbedingungen heute günstig. Der
Hodograph von der Station in Stuttgart von heute 12 UTC zeigt
beispielsweise in 6 km Höhe eine Windgeschwindigkeit von etwa 35
Knoten, in Bodennähe jedoch nur von einigen wenigen Knoten. Die
Windscherung zwischen 0 und 6 km kann also grob mit 35 Knoten (~18
m/s) abgeschätzt werden. Im Zusammenspiel mit anderen Parametern
hatte das zur Folge, dass entschieden wurde, eine Vorabinformation
vor schweren Gewittern herauszugeben. Im Laufe des Nachmittags und
des Abends können sich ausgehend von der Schwäbischen Alb Superzellen
entwickeln. Die Gefahren sind dementsprechend vielfältig.
Hagelkorndurchmesser um 5 cm ähnlich dem eines Golfballs, Orkanböen
bis 120 km/h und heftiger Starkregen bis 40 l/m² innerhalb kurzer
Zeit sind bei den schwersten Gewittern durchaus im Bereich des
Möglichen! Daher gilt: Haben Sie immer mal wieder ein Auge auf die
aktuellen Warnungen oder auch das Wetterradar. So können Sie
abschätzen, ob ein starkes Gewitter gefährlich nahekommt oder ob der
Aufenthalt im Freien kein Problem darstellt.

M.Sc. Fabian Chow

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 15.07.2026

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



Wetter aktuell

Vom Höhenei bis hin zu schweren Gewittern


Teils schwere Gewitter mit heftigem Starkregen und großem Hagel haben
am gestrigen Montag über Teilen Norddeutschlands für schwere Schäden
gesorgt. Auch heute sind erneut unwetterartige Gewitter möglich - wo
und wie stark, soll daher das Thema des Tages sein.


Schwere Gewitter, darunter zeitweise auch rotierende Superzellen,
haben am gestrigen Montagabend bis in die Nacht zum Dienstag hinein
für Chaos in Norddeutschland gesorgt, bei dem auch die Region
Hannover stark betroffen war. Innerhalb kürzester Zeit fielen um und
über 25 l/m², was zu größeren Überflutungen führte. Andernorts sorgte
Hagel mit 3-5 cm Durchmesser für Schäden an Vegetation, Autos und der
Infrastruktur.

Nach den Unwettern ist jedoch vor den neuen Unwettern, denn an der
Großwetterlage hat sich bis heute wenig geändert. Beim Blick auf die
Bodenwetterkarte fällt das großräumige Hoch LAURENT über dem
Nordwesten Europas auf, das bis nach Deutschland ragt. Auf der
anderen Seite steht schwacher Tiefdruckeinfluss über Frankreich
entgegen, was aber insgesamt nur zu schwachen Luftdruckgegensätzen
führt.

Spannender ist dagegen ein Blick in rund 5,5 km Höhe: Hier sieht man
ein umher waberndes Höhentief, dessen Zugbahn von den Modellen nur
schwer erfasst werden kann. Es ist ein bisschen wie mit dem Fettauge
in der Suppe: Es ist da, aber kleinste Impulse reichen für eine
unvorhergesehene Verlagerung. Ebenso könnte man dieses Gebilde auch
einfach als Höhenei bezeichnen.

Dieses Höhentief war es gestern und ist es federführend auch heute,
das die notwendige Hebung erzeugt, die zwingend für hochreichende
Konvektion erforderlich ist. "Garniert" wird diese Gemengelage mit
CAPE-Werten (siehe hierzu das Thema des Tages vom 01.07.2026 (LINK
1)) von rund 1.000 bis lokal 2.000 J/kg, die vor allem vom südlichen
Niedersachsen bis zu den Alpen überregional zu finden sind. Die
größte Feuchte jedoch liegt von der östlichen Mitte bis in den Süden
vor, hier erreichen die Werte des niederschlagbaren Wassers bis zu
35-37 mm.

Fehlt zu guter Letzt noch das "i-Tüpfelchen", nämlich die
Windscherung, also die Änderung des Windes mit der Höhe in Richtung
und Geschwindigkeit. Hier wird deutlich, dass die besten
Scherungsbedingungen vor allem von Hessen/Thüringen bis nach Franken,
teils aber auch weiter südlich zu finden sind. Gegen Abend verstärkt
sich diese mit einer zunehmenden Nordostströmung sogar noch etwas und
erreicht Werte bis 25 m/s.

Ergo kommt auch die Modellwelt zu dem Schluss, dass heute mit
hochreichender, schwerer Konvektion sprich (unwetterartigen)
Gewittern gerechnet werden muss. Diese bilden sich bereits ab dem
frühen Nachmittag zunächst bevorzugt in bergigen Lagen der Mitte, um
dann nach Lesart der deutschen Modellkette rund um ICON-D2 und
ICON-RUC mehr und mehr in den Osten und Süden zu ziehen. Einzelne
"Nachzügler" sind aber spätabends noch immer über der Mitte möglich.


Bei den Begleiterscheinungen steht heute vor allem der Starkregen im
Fokus, der lokal bis zu 40 l/m², strichweise sogar zwischen 40 und 60
l/m² erreichen kann. Dazu kommen Sturmböen oder schwere Sturmböen
zwischen 70 und lokal um 100 km/h. Vor allem im Initiierungsprozess
eines Gewitters kann auch größerer Hagel über 3 cm dabei sein, später
ist mit größeren Hagelansammlungen zu rechnen.

Am morgigen Mittwoch beruhigt sich das Wetter zwar über der
Landesmitte, dem Süden drohen vor allem nachmittags und abends
abermals starke Gewitter bis hin zu ausgewachsenen Unwettern. Mehr
dazu im Laufe des Mittwochs.

M.Sc.-Met. Oliver Reuter

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 14.07.2026

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst





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