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Thema des Tages
Ausgegeben vom Deutschen Wetterdienst. Neueste Meldung oben

Wissenschaft kompakt

Das Vertikalprofil - ein zentrales Analyse-Werkzeug



Auch wenn dieser Tage keine klassische Gewitterlage ansteht, befinden
wir uns doch mitten in der Gewittersaison. In diesem Kontext geben
wir heute einen Überblick über die geläufigste Methode, den
Höhenverlauf von Temperatur, Luftfeuchtigkeit, und Wind darzustellen
- als zentrales Analyse-Werkzeug, nicht ausschließlich, aber
insbesondere bei Gewitterlagen.



Liest man dieser Tag den Wetter- oder Warnlagebericht, oder auch
speziellere Produkte wie die zweimal täglich vom DWD ausgegebene
Übersicht der synoptischen Kurzfristvorhersage, so wird aufgefallen
sein, dass relativ konsequent das Gewitterpotenzial besprochen wird ?
sei es, weil das Potenzial besonders hoch ist, weil Gewitter in
bestimmten Regionen nicht ausgeschlossen werden können, oder auch
weil das Ausbleiben von Gewittern erwähnenswert sein kann. Auch die
teils schweren Gewitterlagen der vergangenen Wochen (beispielsweise
am 29.05.2026) haben verdeutlicht, dass wir uns in der Gewittersaison
befinden. Das Potenzial für solch hochreichende Konvektion mit
elektrischer Entladung als zentrale Begleiterscheinung hängt, eng
verknüpft mit der zugrunde liegenden großskaligen Strömung,
maßgeblich von der lokalen vertikalen Schichtung der Atmosphäre ab.
Spezifischer, von den Vertikalprofilen der Temperatur, der
Luftfeuchtigkeit und des Windes in der Troposphäre - jener
erdnächsten Atmosphärenschicht in der das allgemeine Wettergeschehen
stattfindet.

Ein zentrales Analyse-Werkzeug in der Meteorologie insbesondere in
diesem Kontext ist das sogenannte log-p skew-T Diagramm: eine
spezielle und zweckdienliche Art den Höhenverlauf der oben genannten
zentralen Parameter darzustellen. Zweckdienlich dahingehend, dass das
geübte Auge aus dem Profil der Mess- oder Modellgrößen sowie den
dargestellten Hilfsparametern eine recht konkrete Abschätzung über
das Gewitterpotenzial sowie die Ausprägung der möglichen
Begleiterscheinungen ? Niederschlagsmenge, Windböen, und Hagelgröße ?
geben kann.

In Abbildung 1 werden zuerst die sich teils gegenseitig bedingenden
Koordinaten als Grundlage des log-p skew-T Diagramms sukzessive
hinzugefügt. In der vertikalen Achse ist der mit der Höhe
exponentiell abnehmende Luftdruck p logarithmisch aufgetragen, daher
das namensgebende log-p. Die Isothermen, die Linien konstanter
Temperatur sind nicht vertikal aufgetragen, sondern diagonal geneigt
- daher das skew ("geneigt") T. Die Isothermen sind in 10 Grad
Schritten aufgetragen, die 0 Grad Isotherme ist blau hervorgehoben.

Die Linien, die in der Abbildung als erstes neu erscheinen sind die
sogenannten Trockenadiabaten. Sie zeigen, wie sich die Temperatur
eines Luftpakets verändert, wenn es aufsteigt oder absinkt, unter der
Annahme, dass es keine Wärme mit seiner Umgebung austauscht. Die
zweite wichtige Bedingung für diese Temperaturänderung von etwa 1 °C
pro 100 m ist, dass die Luft noch nicht mit Wasserdampf gesättigt
ist. Das bedeutet, dass keine Kondensation stattfindet und kein
Wasser aus der Luft ausfällt.

Denn ebenso wie Energie benötigt wird, um die Bindungen von Wasser im
flüssigen Zustand zu lösen - beispielsweise beim Verdampfen von
Wasser - wird Energie frei, wenn gasförmiges Wasser wieder in den
flüssigen Zustand übergeht. Erreicht ein aufsteigendes Luftpaket
Sättigung und beginnt Wasserdampf zu kondensieren, so wird diese
sogenannte latente Wärme freigesetzt. Dadurch kühlt sich das
Luftpaket mit zunehmender Höhe langsamer ab als im ungesättigten
Fall. Der entsprechende Temperaturverlauf ist durch die sogenannten
Feuchtadiabaten dargestellt (grüne, als zweites eingeblendete Linien
in Abbildung 1).

Die zuletzt eingeblendeten grün gestrichelten Hilfslinien zeigen
konstante Wasserdampf-Mischungsverhältnisse an, also wie viel Gramm
Wasserdampf in einem Kilogramm Luft sind. Für jeden festen Wert des
Wasserdampf-Mischungsverhältnisses gibt es genau eine Temperatur, bei
der die Luft Sättigung erreicht. Somit sind diese Linien im Diagramm
eindeutig festgelegt. Sie ermöglichen es, sowohl aus dem
Temperaturverlauf abzulesen, wie viel Wasserdampf die Luft maximal
enthalten kann bevor Sättigung eintritt, als auch aus dem
Taupunktverlauf zu bestimmen wie viel Wasserdampf tatsächlich in der
Luft vorhanden ist.

Nachdem die beschriebenen Koordinaten und Hilfslinien in Abbildung 1
eingeblendet sind, folgen die eigentlichen Messwerte, von einem
Radiosonden-Aufstieg (Wetterballon) vom meteorologischen
Observatorium Lindenberg am vergangenen Donnerstag, dem 11.06.2026 um
12 Uhr: zuerst in schwarz der Verlauf der Temperatur mit der Höhe,
dann gestrichelt der Taupunkt als absolutes Maß der Luftfeuchtigkeit,
und zuletzt die Windfiedern.

An besagtem Tag befand sich ein Höhentrog über Deutschland, eine
Auslenkung von Luftmassen aus nördlicheren Breitengraden Richtung
Süden. Die bei einem Druckniveau von mehr als 300 hPa verhältnismäßig
tief liegende Tropopause deutet im Vertikalprofil darauf hin. Die
Luftmasse war tatsächlich mäßig labil geschichtet - "zu" warme und
ausreichend feuchte Luft befand sich in Bodennähe - so dass es zu
vertikaler Durchmischung kam und sich relativ verbreitet über
Deutschland Schauer und Gewitter bildeten. Die Luft in Bodennähe
stieg entlang der Trockenadiabate auf bis Sättigung erreicht war,
sprich bis das Mischungsverhältnis des bodennahen Taupunkts die
Aufstiegs-Trockenadiabate schnitt. Ab dort kühlte sich die Luft beim
weiteren Aufstieg aufgrund der Freisetzung latenter Wärme bei
Kondensation und Wolkenbildung weniger ab, und blieb somit bis es die
Tropopause erreichte wärmer und leichter als die durch die
Temperaturmessung repräsentierte Umgebungsluft.

Falls das Alles zunächst etwas viel Information auf einmal war, ist
das kein Grund zur Sorge ? das liegt gewissermaßen in der Natur
dieser eher unintuitiven, aber sehr aussagekräftigen Diagramme. Beim
Lesen und Interpretieren solcher Aufstiegsprofile hilft vor allem
Übung. Sollten Ihnen in einer späteren Lektüre, beispielsweise im
Thema des Tages, erneut ein solches Diagramm begegnen, können Sie
nach der heutigen Einführung (oder Auffrischung) hoffentlich bereits
etwas mehr daraus entnehmen ? sei es "nur" der Temperaturverlauf,
oder auch Hinweise auf das Potenzial für vertikale Luftbewegungen und
Durchmischung in der Troposphäre.


Dipl.-Met. Thorsten Kaluza

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 13.06.2026

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst



Wissenschaft kompakt

Die atlantische Hurrikansaison 2026: Ist-Zustand und Prognosen


Seit dem 1. Juni läuft sie offiziell wieder: Die atlantische
Hurrikansaison. Den aktuellen Stand und die Prognosen dazu lesen Sie
im heutigen Thema des Tages.


Offiziell läuft die alljährliche Hurrikansaison über dem Nordatlantik
vom 1. Juni bis zum 30. November. Vor ihrem Beginn erstellen diverse
nationale Wetterdienste und weitere wissenschaftliche Einrichtungen
stets Prognosen über ihren Verlauf. Prognostiziert wird dabei die
Anzahl benannter Stürme, wobei es dabei nicht nur um Hurrikane geht,
sondern um alle tropischen und subtropischen Stürme über dem
Nordatlantik.

Dabei definieren sich die Wirbelstürme über ihre mittlere
Windgeschwindigkeit (1-minütiger Mittelwind). Ab 62 km/h spricht man
von einem tropischen Sturm (bzw. je nach Entstehungsregion auch
subtropischen Sturm), ab 119 km/h von einem Hurrikan und ab 178 km/h
von einem schweren Hurrikan (engl.: major hurricane). Schwere
Hurrikane nehmen damit die Kategorien drei bis fünf auf der
fünfteiligen Saffir-Simpron-Skala ein. Durchschnittlich entwickelten
sich zwischen 1991 und 2020 - also innerhalb der aktuellen
sogenannten Vergleichsperiode - pro Jahr 14 tropische Stürme,
darunter 7 Hurrikane und darunter wiederum 3 schwere Hurrikane.

Vergleichen wir diese Durchschnittswerte mal mit dem Rekordjahr 2020.
Mit 30 benannten Stürmen - so viel gab es noch nie seit Beginn der
Aufzeichnungen - entwickelten sich damals mehr als doppelt so viele
Stürme als im Mittel. Davon mauserten sich 14 Stück zu Hurrikanen
(Platz 2 nach 2005) und davon wiederum sieben zu schweren Hurrikanen
(wie 2005). Letztes Jahr verlief mit 13 tropischen Systemen zwar eher
durchschnittlich, von den "nur" 5 darunter befindlichen Hurrikanen
entwickelten sich aber stolze 4 zu schweren Hurrikanen. "Wenn dann
richtig!" könnte man die Saison 2025 also zusammenfassen.

Das Klimaprognosezentrum der US-amerikanischen NOAA (National Oceanic
and Atmospheric Administration) prognostiziert für 2026 eine
unterdurchschnittliche Wirbelsturmaktivität auf dem Nordatlantik
(Stand 21.05.2026). Für dieses Szenario ruft es eine 55-prozentige
Wahrscheinlichkeit auf. Einer durchschnittlichen Saison räumt es
immerhin noch eine 35-prozentige, für eine überdurchschnittliche
dagegen nur eine 10-prozentige Chance ein. Als Hauptgrund für diese
"Zurückhaltung" wird die derzeitige Entwicklung von El Nino genannt,
der sich unter der Saison weiter verstärken soll. Unter El Nino
versteht man kurz und knapp gesagt ein großräumiges
Zirkulationsmuster über dem Pazifik. Auch wenn dieses Phänomen auf
dem Pazifik beheimatet ist, so hat es doch einen signifikanten
Einfluss auf das globale Wettergeschehen - unter anderem eben auch
auf die tropische Wirbelsturmentwicklung über dem Atlantik (mehr dazu
im Thema des Tages vom 18.05.2026).

In absolute Zahlen umgemünzt geht das Klimaprognosezentrum dieses
Jahr von 8 bis 14 benannten Stürmen aus, wovon 3 bis 6 zu Hurrikanen
und davon wiederum 1 bis 3 zu schweren Hurrikanen heranreifen sollen.
Quasi ins gleiche Horn stoßen auch viele andere Institutionen mit
ihren Prognosen, wie man der nachfolgenden Tabelle entnehmen kann.
Als Hauptgrund wird ebenfalls die Entwicklung beziehungsweise
Verstärkung von El Nino herangezogen.

Einzig die University of Arizona wählt einen total anderen Weg und
geht von einer überdurchschnittlichen Saison aus. Sie sieht
Ähnlichkeiten zu 2023 als trotz sich ausbildendem El Nino eine der
aktivsten Wirbelsturmsaisons seit Aufzeichnungsbeginn beobachtet
wurde. Grund hierfür war eine ungewöhnlich hohe
Meeresoberflächentemperatur, die den dämpfenden El-Nino-Effekt
kompensieren konnte. Eine sehr interessante Theorie! Ob es sich dann
letztlich wirklich nur um eine Außenseiterlösung gehandelt hat,
bleibt abzuwarten.

Aktuell steht der Zähler übrigens noch auf null (Stand: 12.06.2026).
Doch die Frage ist nicht ob, sondern wann der erste Wirbelsturm in
diesem Jahr auftritt. Dabei ist es letztlich egal, wie aktiv die
Saison ausfällt. Denn im Endeffekt reicht schon ein Sturm, der auf
dicht besiedeltes Küstengebiet trifft, aus, um selbst aus einem
potenziell unterdurchschnittlichen Wirbelsturmjahr ein katastrophales
zu machen.


Dipl.-Met. Tobias Reinartz

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 12.06.2026

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst





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